Der Gänsehaut-Effekt

Worum geht es bei der Musik? Es geht möglicherweise wie bei noch nicht sprechen könnenden Kindern um eine Art der Kommunikation mit ganz eigenen Regeln. Obwohl das Kleinkind noch kein Wort versteht, kann es dennoch zuverlässig unsere Körpersprache und Mimik lesen. Die Basisinformation kommt rüber: Ist der Typ echt? Verhält er sich authentisch? Es ist eine Form der Kommunikation auf emotionaler Basis.

Durch den Ausdruck meiner Befindlichkeit die Gefühle anderer ansprechen. Das funktioniert über die so genannten Spiegelneurone. Wir kennen das Phänomen als Empathie. Vielleicht kennen Sie auch den Gänsehaut-Effekt, der beim Hören bestimmter Sequenzen von Musik auftritt. Nur wenn ich ausdrucksstark da gefühlvoll musiziere, geht meine Musik dem Zuhörer unter die Haut. Und nur wenn meine Musik unter die Haut geht, bekomme ich die Rückmeldung, dass ich gute Musik machen würde. Gut heißt dann ehrlich, authentisch, gefühlvoll - wie eben die kindliche Form der Kommunikation über die Körpersprache und Mimik.

Ausdrucksstark und gefühlvoll kann man aber nicht auf jedem Instrument spielen. Ist beim Klavier

  • die Spielart schwer,
  • die Mechanik ungleichmäßig reguliert,
  • der Klang nicht gleichmäßig intoniert und/oder
  • bleiben möglicherweise sogar Tasten hängen,

sind das eine Vielzahl von widrigen Gründen, die mich davon abhalten werden, eine authentisch gefühlvolle Performance leisten zu können.

So sieht die Negativseite aus. Natürlich gibt es auch eine Positivseite. Hier geht es um das Maximum an Möglichkeiten, Musik noch intensiver ausdrücken zu können. Unbestritten sind die Vorteile der Klaviatur für das 10-Finger-Spiel. Doch die Einschränkungen der Klaviatur werden als schmerzlich empfunden. Darüber spricht man nicht offen. Doch der Drang, das Handicap ändern zu wollen, ist stärker als man glaubt! Tatsächlich existieren schon längst erste Lösungen - allerdings nur für das Spiel mit einer Hand, da die zweite Hand benötigt wird, um die Effekte zu initiieren. Im folgenden stelle ich Ihnen den Pianist und Organist Cory Henry vor. Er spielt auf einer Orgel sowie auf einem Moog-Synthesizer. Lehnen Sie sich zurück, genießen das Stück, bei dem ab Minute 5:40 nicht nur für die Ohren von Tasteninstrumentespielern wunderbare Klänge ertönen. Das Solo kulminiert circa bei Minute 6:10 bis 6:20.

Was ist hier geschehen? Warum konnte dieses Solo unsere Stimmungslage so beeindrucken? Cory Henry hat scheinbar nur mit einer Hand die Tasten des Moog-Synthesizers gespielt. Von der Aufnahmeregie für unser Auge unsichtbar spielt die zweite Hand jedoch mit. Sie bediente entweder das Pitch-Wheel, ein Rad zum stufenlosen Verändern der Tonhöhe des gerade gespielten Tons, oder ein Modulation-Wheeel, mit dem man den Klang des soeben gespielten Tons verändern/modulieren kann. Das heißt, wir haben einen Musiker gehört, der auf einem Tasteninstrument schnelle Sequenzen mit Tonartwechseln spielt. Die Besonderheit eines solchen Wechsels der Tonart lag für unser Ohr darin, dass der Wechsel nicht wie auf einem Tasteninstrument üblich stufenweise sondern im Sinne der Intonation (Anheben oder Senken der Tonhöhe) stufenlos erfolgte. Bewusst konnten wir das gar nicht wahrnehmen. Dafür hat uns dieser Effekt des stufenlosen Wechsels in eine andere Tonart unterbewusst umso stärker beeindruckt!

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Effekte mit dem 10-Finger-Spiel am historischen Tasteninstrument gestalten

Moment mal, war das nicht früher schon möglich, Effekte zu gestalten - und zwar mit beidhändigem 10-Finger-Spiel? Ja, tatsächlich konnten wir das schon sehr früh, nämlich auf dem Clavichord. Von diesem Instrument wissen wir ja bereits, dass man damit nicht nur das 10-Finger-Spiel sondern auch Effekte wie

  • die Intonation,
  • ein Vibrato sowie
  • die Variation des Anschlags (im Charakter sanft oder einen peitschend Klang erzeugend)

realisieren kann. Aber im Wettbewerb mit anderen Tasteninstrumenten leidet es unter dem Handicap, sehr leise zu sein. Der Pianist Friedrich Gulda hat das Clavichord trotzdem für Konzerte ausgewählt und es für sein Publikum mittels Mikrofon verstärkt. Ihm war die Verfügbarkeit der Effekte zur Tongestaltung wichtiger als die Lautstärke eines Flügels, der ja eigentlich für einen Pianisten das passende Werkzeug ist. Tatsächlich war es eine Äußerung Friedrich Guldas über die Begrenztheit des Klaviers, die mich für die Thematik sensibilisierte. Oder anders formuliert: Die Feststellung Guldas, dass man den Ton des Klaviers nach dem Anschlagen nicht mehr beeinflussen kann, traf in mir auf eine Resonanz.

Zum Seitenanfang Superstition von Stevie Wonder besitzt einen einmaligen Sound

Kennen Sie das Clavinet?

Das Clavinet ist ein Saiteninstrument mit einer im Vergleich zum Original abgewandelten Art der Tonerzeugung, die mit einem Tonabnehmer verbunden ist. Lautstärke und Charakter des Tons können durch die Stärke des Anschlags beeinflusst werden. Es ist genau genommen eine moderne Version des Clavichords. Das Clavinet erzeugt einen einmaligen Sound, der zum Beispiel zur eindeutigen Identifikation eines Songs wie Superstition von Stevie Wonder beiträgt:

Das Clavinet wurde übrigens von Hohner in Deutschland entwickelt und gebaut. Bei Hohner gab es den Ingenieur und Musiker Ernst Zacharias, der für Hohner ein ganze Reihe zeitgemäßer Varianten von Barockinstrumenten entwickelte.

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Das Streichklavier

Vermutlich kannten Sie weder das Clavichord noch das Clavinet. Mit Sicherheit ist Ihnen das Streichklavier unbekannt. Es handelt sich dabei um ein Tasteninstrument, mit dem man Streicherklänge erzeugen konnte. Von diesem Instrument wurden ab dem 15. Jahrhundert verschiedene Versionen gebaut. Das Modell, von dem ich Ihnen berichten möchte, wurde erstmals im 17. und dann wieder im 20. Jahrhundert gebaut, aber von Leonardo da Vinci circa 1470 konstruiert.

Davon erzähle ich an dieser Stelle, da bereits Leonardo da Vinci von den Einschränkungen der Möglichkeiten des umfassenden emotionalen Ausdrucks über die Klaviatur gehört haben muss. Er lies sich von der scheinbaren Unlösbarkeit des Problems herausfordern und folgte dem MEM des Strebens nach der bestmöglichen Lösung. Seine Aufgabe lautete: Wie ermöglicht man Intonation an einem Tasteninstrument? Er überlegte, welches Instrument zu dem für die Musik als Ausdrucksform von Gefühlen besonderen Effekt der Intonation imstande ist, und entschied sich für ein Streichinstrument. So entstand der Entwurf eines zur Intonation fähigen Tasteninstruments mit Streicherklängen. Im folgenden Video sehen und hören Sie den polnischen Erbauer Tygodnik Powszechny mit englischen Untertiteln.

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Unbegrenzte Möglichkeiten der Tongestaltung jenseits der Klaviatur

Die natürlichen Einschränkungen der Klaviatur haben dazu geführt, dass in den letzten Jahren zahlreiche Entwickler nach Möglichkeiten jenseits der Klaviatur gesucht haben. Gefunden wurde eine Vielzahl von kreativen Lösungen. Das erstaunt grundsätzlich immer wieder aufs Neue, da bislang kaum ein öffentliches Wehklagen über die Mängel der Tasteninstrumente zu hören war. Doch tatsächlich gibt es dazu sogar eine Wunschliste der Pianisten, die man jedoch nur entdeckt, wenn man zwischen den Zeilen liest. Nun wollen wir aber den Blick nicht mehr nach hinten, sondern nach vorne auf die teils ausgefallen Entwürfe von neuen Musikinstrumenten mit der Intention der Verbesserung der emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten richten:

Der Musiker Jordan Rudess hat ein feines Händchen für außergewöhnliche Bedienoberflächen:

All die oben aufgeführten Beispiele nennt man Controller. Das heißt, es handelt sich um unterschiedliche Bedienoberflächen, die mit Sensoren neue Möglichkeiten zur Datenerfassung besitzen. Die ermittelten Daten werden als Kommandos interpretiert, die einen externen Klangerzeuger über eine Schnittstelle namens MIDI steuern.

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MIDI = Musical Instrument Digital Interface

Den kompliziert klingenden Titel übersetzt Wikipedia in den besser verständlichen Satz:

Digitale Schnittstelle für Musikinstrumente.

Über diese Schnittstelle können zusätzlich zur Tonhöhe, Lautstärke, ... also zu den rein musikalischen Daten Informationen zur Steuerung übertragen werden wie zum Beispiel Ton an, oder Ton aus. Außerdem lässt sich über diese Schnittstelle der Klang verändern, Effekte zu- und abschalten. MIDI wurde bereits 1982 entwickelt.

Die zeitgemäßen Möglichkeiten bieten uns eine Bedienoberfläche, die aktuell nur in Ausnahmefällen in Zukunft vermutlich aber als Standard mit Sensoren ausgestattet ist, ein umfassendes Datenformat namens MIDI und eine externe Klangquelle. In der digitalen Welt ist die externe Klangquelle ein Synthesizer oder eine Klangbibliothek aus Samples. Das haben wir auf unserem Rechner in einer so genannten Digital Audio Workstation, kurz DAW organisiert und verpackt. In einer DAW können wir Musik einspielen, aufzeichnen sowie nachträglich bearbeiten. Die DAW enthält Synthesizer und/oder Samples als Klangerzeuger, mit denen man Presets (voreingestellte Klangkombinationen) erstellen, speichern und nach Belieben aufrufen kann.

In dem zuletzt vorgestellten Video eines Controllers (Jordan Rudess spielt den Soundplane Encounter) haben Sie aber nicht nur MIDI erlebt, sondern zusätzlich ein neues Datenerfassungsformat, nämlich Multidimensional Polyphonic Extression (MPE), von dem man sagt, es sei die Zukunft von MIDI. Die Abkürzung MPE wird übrigens auch mit MIDI Polyphonic Expression übersetzt.

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MPE = Multidimensional Polyphonic Expression

Das Datenformat MPE ermöglicht es mittels neuer Sensoren Fingerbewegungen auf einer Oberfläche zu erfassen - und in beliebig programmierbare Effekte zu transformieren. In Verbindung mit der digitalen Klangerzeugung kann man also festlegen, welche Klangmuster von welchen Fingerbewegungen ausgelöst werden. Damit bekommt das Bedienen von sensiblen Oberflächen eine neue Dimension. Wir kennen diese Möglichkeiten bereits vom Touch-Screen unserer Smartphones und Tablets. Neu ist der Transfer auf Bedienoberflächen von Musikinstrumenten.

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Die Struktur der zeitgemäßen Möglichkeiten

Die oben vorgestellten Controller sind die mit Sensoren ausgestattete Hardware, die uns neue Möglichkeiten eröffnet. MPE im Zusammenspiel mit MIDI sind Datenformate, die uns in Verbindung mit Musik-Software jene Möglichkeiten zur Effekt- und Klanggestaltung eröffnen, nach denen sich Musiker mehr oder weniger bewusst schon seit vielen Generationen gesehnt haben.

Nach unserem Ausflug in die Welt jenseits der Klaviatur kommen wir nun wieder zurück. Ein Erfinder hat einen Controller entwickelt, der immerhin schon einen so genannten Klaviatur-Form-Faktor enthält: Das Seaboard.

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