Das Seaboard - ein Controller mit Klaviatur-Form-Faktor

Wir haben bereits erfahren: Das Seabord ist der erste Controller, der einen Klaviatur-Form-Faktor enthält. Das heißt, wir sehen das Muster einer Klaviatur auf der Bedienoberfläche.

Aber wir drücken keine Tasten als Hebel. Denn die Oberfläche ist aus Silikon. Wir drücken und streichen über Erhebungen und Senkungen, die so genannten Keywaves, also Wellen. Unter der Oberfläche befinden sich zahlreiche Sensoren. Sie ermöglichen ein 5-dimensionales Spiel, dessen einzelne Dimensionen im folgenden Video anschaulich erläutert werden:

Contra

Das sieht doch zumindest schon wieder aus wie das Spiel auf einer Klaviatur. Die Macher des Seaboards bewerben die Neuerung als die Zukunft des Keyboards. Das ist es sicher nicht. Denn:

  • Der farbliche Kontrast zwischen Ganz- und Halbtönen ist äußerst schlecht.
  • Die Höhenunterschiede zwischen Ganz- und Halbtönen beträgt nur 5 mm (im Gegensatz zu 11-13 mm bei einer herkömmlichen Klaviatur).
  • Die Trefferfläche auf den Halbtönen ist minimal.
  • Da die seitlichen Zonen der Keywaves ebenfalls mit Sensoren bestückt sind, ist die Fehlerquote beim Treffen bestimmter Töne sehr hoch.
  • Wer mit seinen Fingern zur taktilen Orientierung auf der Bedienoberfläche des Seaboards Kontakt hält, erzeugt über die empfindlichen Sensoren aufgrund der Berührung unerwünschte Töne. Wenn man daraufhin den Kontakt vermeidet, macht man sich entgegen der bisherigen Gewohnheit auf einer herkömmlichen Klaviatur hinsichtlich der Orientierung mittels Tastsinn blind - und die Fehlerquote erhöht sich erneut.
  • Der Krafteinsatz ist völlig konträr zum gewohnten Impuls auf einer Taste als Hebel zum Bewegen eines Gewichts, das sich in Form einer physikalischen Mechanik am Ende der Taste befindet. Wer sich im Leistungssport auskennt: Für einen Sprinter ist es wegen der völlig gegensätzlichen Kraftmuster absolut tabu, in der Wettkampfphase schwimmen zu gehen, da zum Überwinden von Wasser als Widerstand ein völlig anderes Kraftmuster eingesetzt wird als an der Luft. Bildlich gesprochen wird auf dem Seaboard aus dem Klavierspieler (Sprinter) ein Schwimmer!
  • Zusammenfassung: Weder Klavierspieler noch Keyboarder fühlen sich auf dieser Bedienoberfläche zu Hause!
  • Hier ist der der Link zu meinem vollständigen Erfahrungsbericht bei den ersten Schritten mit dem Seaboard Rise

Falls also bei der Entwicklung des Seaboards die Zielgruppe Klavierspieler und Keyboarder waren, dann wurde das Ziel verfehlt. Wer sich ein Seaboard gekauft hat, ärgert sich wegen der zumindest anfangs hohen Fehlerquote. Daher hier der Tipp für all jene, die es dennoch ausprobieren wollen: Sie können das Seaboard mieten. Aber im Zusammenhang mit der Promotion des Seaboards wurden umfangreiche Video-Anleitungen erstellt, die man unter ROLI Education im Youtube-Kanal von ROLI findet. Die sind es wert, genauer studiert zu werden. Schließlich geht es darum, sich neue Möglichkeiten im Umgang mit Sensor-Oberflächen zu erschließen.

Pro

Beispiele für die Leistungsfähigkeit des Seaboards

Sucht man musikalische Beispiele des Seaboards im Netz, so findet man einige sehr erstaunliche Videos. Es handelt sich in jedem Fall um Profis, die für eine entsprechende Einarbeitung vom Hersteller des Seaboards beauftragt und bezahlt worden sind. In der folgenden Aufnahme von einer Musikmesse in USA demonstriert Cory Henry, der Jazz-Organist und -Pianist ist, dass er nicht nur ein Multi-Tasteninstrumente-Spieler sondern auch ein sensibler Multi-Instrumentalist ist, denn er spielt im Rahmen einer Jam-Session mit einem Schlagzeuger auf dem Seaboard die Rolle eines Bassisten:

Das Video über diesem Text zeigt ein Beispiel für das bereits angesprochene aggressive MEM der Hersteller von Tasteninstrumenten, nämlich Klänge anderer Instrumente verfügbar und diese dem 10-Finger-Spiel zugänglich zu machen. Hier wird ein Bass vom Seaboard imitiert. Und genau für diese Leistung steht auch das Seabaord, nämlich andere Instrumente perfekt nachahmen zu können - außer dem Klavier. Für ein Instrument mit Klaviatur-Form-Faktor ist das der eindeutige Beweis, dass es sich eben nur um eine Form aber keine wirkliche Klaviatur handelt. Eine Vielzahl von bereits im Internet verfügbaren Videos mit dem Seaboard beweisen den hohen Grad der Perfektion in der Nachahmung der Spiel- und Klangweisen anderer Instrumente.

Im nächsten Video von 2016 im Rahmen der NAMM Show demonstriert der Pianist Heen Wah den neuen Trend, dass wir uns in Zukunft nicht mehr auf passive Musikkonsumenten reduzieren lassen, sondern stattdessen Musik zunehmend selbst machen werden - und zwar die eigene Musik! Dazu bedient sich Heen Wah nicht nur des Seaboards, um damit möglichst vielfältige Klangmuster einspielen zu können, sondern er nutzt eine so genannte Loop-Station, mit der er Schleifen (Loops) einspielen und abspielen lassen kann:

In der folgenden Aufzeichnung eines Stücks namens Lingus von 2015 zeigt Cory Henry erneut, über welch außergewöhnliche Fähigkeiten er verfügt, wenn er wie hier gleichzeitig mit der linken Hand einen akustischen Flügel und mit der rechten Hand ein Seaboard spielt - und zwar eine identische Tonfolge in hohem Tempo! Außergewöhnlich daran ist, dass die beiden Instrumente zwar eine identische Struktur, jedoch bedeutende Unterschiede in der Bedienoberfläche und damit verbunden auch im Krafeinsatz aufweisen, wie ich es auf dieser Seite oben beschrieben habe:

Psychogramm des Marketingerfolgs des Seaboards

Als Erfinder des Seaboards besteht Roland Lambs wesentlicher Verdienst darin, als Erster MPE für ein Instrument zumindest mit einem Klaviatur-Form-Faktor auf den Markt gebracht zu haben sowie daran anschließend die Möglichkeiten von MPE auf einem Tasteninstrument bewusst gemacht zu haben. Klaviatur-Form-Faktor heißt, dass das Muster auf der Bedienoberfläche zumindest strukturell mit einer herkömmlichen Klaviatur übereinstimmt. Das war es dann aber auch schon, was die Gemeinsamkeiten betrifft. Direkt daran schließt sich eine lange Liste an Unterschieden an, die in der Konsequenz dazu führt, dass kein Musiker das Seaboard live einsetzt – außer er wurde von Roli dafür bezahlt. Diese Woche war ich zum Stimmen eines Akustikpianos in einem Studio und ich sprach mit dem Besitzer über das Seaboard. Er erzählte mir, dass er es bestellt und es sofort wieder zurückgeschickt hatte, da er total enttäuscht davon war. Dieser junge Mann ist authentisch.

Die Zielgruppe des Seaboards sind Herzblutmusiker, die begeistert auf den MPE-Zug aufspringen. Mit anderen Worten: Sie werden für das Seaboard über MPE geködert. Dabei ist MPE das Leckerle und das Seaboard im wahrsten Sinne des Wortes der Haken. Das ist aus Sicht des Marktes und ganz besonders aus Sicht der Musik natürlich eine Katastrophe. Denn unser junger Studiobesitzer ist nach der Erfahrung mit dem Seaboard nur noch sehr eingeschränkt risikobereit. Und tatsächlich folgte in seinem Studio als Kauf auf das Seaboard anstatt eines musikalisch reizvollen Hybrid Synthesizers von Dave Smith lediglich ein Mini-Moog-Synthesizer.

Roland Lamb macht gleichzeitig ein mustergültiges Marketing. Er bezahlt bekannte Musiker, damit sie auf Messen Vorführungen machen und Werbevideos erstellen. Ständig erscheinen per Newsletter neue Erfolgsgeschichten von irgendwelchen Leuten, die sich positiv über das Seaboard aussprechen, weil sie dafür bezahlt worden sind. Aus dem 88 Keywaves umfassenden Seaboard wurden zahlreiche kleinere Varianten bis hin zu Seaobard-Blocks, also Mini-Seaboards mit circa 2 Oktaven Umfang, die man (falls man mehrere davon besitzt) auch nebeneinander stellen kann. Weitere Entwicklungen gehen auch in die Richtung Spielzeug und zu all diesen Produkten von Roli gibt es über die sozialen Netzwerke sowie Newsletter ständig positive Nachrichten. Das Marketing wäre vorbildlich, wenn das Produkt stimmen würde.

Weiß der Erfinder von den Handicapcs seiner Erfindung? Ja. Die Probleme müssen von Anfang bewusst gewesen sein. Darüber hinaus hat er selbst Umfragen über soziale Netzwerke initiiert, die ihm ein kritisches Feedback liefern konnten. Ein Großteil des Marketings konzentriert sich daher darauf, wie man ein Produkt trotz der bekannten Probleme realisieren und erfolgreich machen kann. Aus psychologischer Sicht ist das Marketing Rolands Lambs daher einer genaueren Betrachtung würdig, um in Zukunft ähnliche Manipulationsversuche rechtzeitig entlarven zu können.

MPE-Guru

Was könnte Roland Lamb am Seaboard verändern? Nun, die bessere Lösung der so genannten Touchkeys, der Tasten mit Sensoroberflächen und mit der bislang gewohnten Haptik einer Taste als Hebel, wurde bereits von McPherson ebenfalls in England erfunden und auf den Markt gebracht. Damit wäre der Klaviatur-Form-Faktor als Kaufgrund für Klavier- und Keyboardspieler ausgereizt. Roland Lamb bliebe nur, einen Entwicklungsfehler einzugestehen. Das ist wiederum psychologisch interessant. Denn vor diesem Schritt steht er schon seit dem Anfang der Entwicklung, genau genommen seit es einen Prototyp gibt, der erste praktische Erfahrungen mit der Idee ermöglichte. Doch Roland Lamb umgeht das Eingestehen eines Fehlers, indem er den Markt mit Demo-Videos und angeblichen Erfolgsgeschichten bombardiert. Man könnte fast den Eindruck bekommen, dass er eine verdeckte psychologische Studie zum Thema des Beeinflussungsmarketings betreibt, um so neue Einsichten in das Potenzial dieser Form des Marketings zu gewinnen. Das ist nun die absolute Katastrophe, denn es geht hier um Musik, die ja bekanntlich die Sprache der Gefühle ist und es geht insbesondere um MPE, das diese emotionale Ausdrucksmöglichkeit gerade für Spieler von Tasteninstrumenten noch einmal potenzieren kann. Roland Lamb hat sich Anfang 2018 erfolgreich dafür stark gemacht, dass MPE der neue Standard anstelle von MIDI wird. Und man muss feststellen, dass sich Roland Lambs Unternehmen Roli als einziger Anbieter um umfassende Informationen zur Plattform übergreifenden Integration von MIDI Polyphonic Expression (MPE) bemüht. Die Situation ist ein Trauerspiel. Denn Roli hat mit dem Seaboard ein zum Scheitern verurteiltes Produkt, betreibt aber ein umfassendes Marketing. Die Touchkeys, mit den langfristig besseren Voraussetzungen, da sie nicht auf einen Klaviatur-Form-Faktor begrenzt, sondern Teil der ursprünglichen Klaviatur sind, deren Möglichkeiten sie erweitern, sind seitens des Marketings dagegen eindeutig unterbelichtet. Der Erfinder der Touchkeys, McPherson, ist ein Einzelkämpfer und im Hauptberuf Wissenschaftler an der in England für Digitale Musik führenden Universität. Die Touchkeys waren lediglich ein Projekt, dass er soweit gut umgesetzt hat. Doch für die weitere Verbreitung, für Entwicklungen und Anpassungen bräuchte es eine Kooperation zwischen den beiden Mitbewerbern Roli und McPherson. Roli könnte dann das Seaboard ohne Gesichtsverlust aufgeben. Und McPherson könnte sich wieder ganz auf seine Haupttätigkeit konzentrieren und er wüsste gleichzeitig seine Idee auf einem guten Weg.

Zur Berührung verführen

Aber: Das ist die zugegebenermaßen eindimensionale Sicht aus der Perspektive des Klavierspielers. Dessen emotionale Dimension werden nun durch die bereits mehrfach erwähnten Touchkeys erweitert. Und zwar sowohl was die Spielweise als auch die bereits erläuterten für das Klavierspiel neuen Formen des Ausdrucks betrifft. Was heißt das?

Lassen Sie mich zuerst kurz auf die Spielweise eingehen, die ich auf der nächsten Seite umfassender besprechen werde. Die Spielweise ist eine Kombination aus der Spielart (des Instruments) und der Spieltechnik (des Spielers). die bestimmte Stücke verlangen, um den darin enthaltenen emotionalen Gehalt ausdrücken zu können. Auf die Bedeutung dieses Begriffs bin ich vor allem aufgrund der Diskussion um die Versprechen des neuen Mechatronik-Pianos aus dem Haus von Mario Aiwasian und somit von Alpha-Pianos GmbH gekommen. Zwar hatte ich selbst noch keine Erfahrung mit dem Mechatronik-Piano. Aber ich habe bereits den Vergleich zwischen vielfältigen Klavieren und Flügeln mit ganz unterschiedlichen Spielarten sowie mit einem Keyboard von Casio mit Leuchtastenschule, einem MIDI-Masterkeyboard von M-Audio, sowie dem Seaboard und dem MIDI-Masterkeyboard Impulse von Novation bereits ausgestattet mit den neuen Touchkeys. Die Erfahrung mit den Unterschieden in der Spielart verbunden mit dem Wechsel des Instruments hat mich für den Begriff und die Bedeutung der Spielweise sensibilisiert. Und genau das ist das Ziel unterschiedlicher Rahmenbedingungen für das Spielen eines Tasteninstruments, nämlich die Sensibilisierung und somit die Differenzierung. Was bedeutet das nun für das Seaboard - von dem ich bereits meinte, es als eine Fehlkonstruktion entlarvt zu haben?

Meine bisherige Herangehensweise an das Seaboard entsprach der eines Klavierspielers bzw. Keyboarders. Sie erinnern sich an den Vergleich zwischen Sprinter und Schwimmer. Auf die Spielart am Tasteninstrument übertragen geht es um den Unterschied zwischen einem kurzen Impuls und einem andauernden Krafteinsatz. Wechselt man jedoch das Szenario und lässt sich von der weichen mit Sensoren angereicherten Silikonoberfläche des Seaboards zur Berührung verführen, also zum Touch anstelle des bislang gewohnten Push, oder noch eine Stufe deutlicher formuliert, zur zärtlichen, ja fast schon intimen Berührung der neuartigen Bedienoberfläche, dann bekommt man einen Zugang zu den damit verbundenen Optionen - und das bedeutet, den Zugang zu einer neuen Spielweise, nämlich zu der angesagten, da zeitgemäßen neuen Spielweise der Touchkeys als Ergänzung der bisherigen Spielweisen am Piano. Auf dieser Ebene beginnt der Dialog zwischen Instrument und Spieler erfolgreich zu werden. Anstatt sich also am Unterschied zu stören, könnte man die Differenz zum bislang Gewohnten als eine Einladung verstehen, sich auf eine neue Erfahrung einzulassen, um sich darüber für die neuen Möglichkeiten des Ausdrucks mittels Effekten am Tasteninstrument inspirieren zu lassen. Wie ordne ich nun aufgrund dieser neuen Einsichten das Seaboard ein und wie gehe ich damit um?

Das Seaboard erweitert meinen Horizont als Klavierspieler. Es erlaubt mir die Begegnung mit einer neuen Dimension. Das heißt, es bereitet mich über die so möglichen intensiven Erfahrungen mit der Dimension des Touch auf die neue Kategorie der Touchkeys vor. Insofern muss ich also meine oben festgestellten Äußerungen relativieren, indem ich nicht nur beide Seiten der Medaille isoliert betrachte, sondern die beiden Seiten als Teile des Ganzen annehme.

Sind wir nun mit dem Seaboard am Ende der Geschichte der neuen Bedienoberflächen angelangt? Nein. Wie schon erwähnt gibt es weitere Neuigkeiten. Das nächste Piano zeigt, dass das Unmögliche tatsächlich möglich geworden ist, nämlich das mehrdimensionale mehrstimmige Ausdrucksspiel in eine herkömmliche Klaviatur zu integrieren!